
Vertrauensvorschuss als Abkürzung durch die Unsicherheit
Thema: Warum Vertrauen die eigentliche Währung jeder Zusammenarbeit ist
Ende August, ich saß zwischen tausend Menschen, die sich drei Tage lang eine unbequeme Frage stellten: Was, wenn wir großzügiger sind, als es sich rechnet? Auf der Utopie-Konferenz in Lüneburg ging es in diesem Jahr um Großzügigkeit als demokratische Möglichkeit, um Entgegenkommen in einer Zeit, in der vieles dagegen zu sprechen scheint. Und je länger ich zuhörte, desto deutlicher wurde mir: Am Anfang jeder Großzügigkeit steht ein leiseres, älteres Wort. Vertrauen.
Vertrauen klingt weich. Ist es aber nicht. Der Soziologe Niklas Luhmann* hat schon in den 1960er-Jahren beschrieben, wozu Vertrauen eigentlich da ist: Es reduziert Komplexität. Wir könnten unmöglich jede Information prüfen, jede Absicht durchschauen, jede Entscheidung auf vollständige Fakten stützen, bevor wir handeln. Vertrauen ist die Abkürzung, die uns trotzdem handlungsfähig macht. Ohne sie würden wir in der schieren Menge an Unsicherheit stecken bleiben.
Der Soziologe Aladin El-Mafaalani, einer der Gastgeber der diesjährigen Utopie-Konferenz, forscht aktuell genau an der Kehrseite davon: Misstrauen als gesellschaftliche Kraft. Sein Befund, verkürzt: Wo Vertrauen erodiert, wird jede Veränderung zur potenziellen Bedrohung gelesen, selbst die wohlmeinende. Menschen ziehen sich zurück, sichern sich ab, warten lieber ab, statt mitzugehen. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus einem sehr rationalen Schutzreflex heraus.
Was das für Führung bedeutet
Übertragen auf Organisationen wird der Gedanke sehr konkret. Veränderung braucht immer einen Vorschuss: Mitarbeitende, die eine neue Richtung mittragen, bevor sie jedes Detail kennen. Führungskräfte, die eine Entscheidung ihres Teams akzeptieren, ohne jeden Schritt zu kontrollieren. Geschäftsleitungen, die einer Führungskraft Verantwortung übertragen, ohne im Vorfeld jedes Risiko auszuschließen.
Drei Ansatzpunkte, die sich daraus für den Führungsalltag ableiten lassen:
- Vertrauen geht der Leistung voraus, nicht hinterher. Wer erst Beweise verlangt und dann Vertrauen schenkt, hat die Reihenfolge vertauscht. Der Vorschuss muss zuerst kommen.
- Kommunizierte Unsicherheit stärkt mehr als vorgetäuschte Klarheit. Wer offen sagt, was noch nicht feststeht, wirkt langfristig glaubwürdiger als jemand, der Kontrolle simuliert, wo keine ist.
- Vertrauen wächst in kleinen, wiederholten Momenten, nicht in einer großen Grundsatzrede. Jede eingehaltene Zusage, jede ehrliche Rückmeldung zahlt auf dasselbe Konto ein.
Und dann bin ich umgezogen
Was mich diesen Sommer selbst beschäftigt hat, hat mit Führung erst mal wenig zu tun: Ich bin umgezogen, in eine neue Wohnung im ersten Stock. Und wenn ich ehrlich bin: Fast meine ganze neue Alltagsordnung basiert auf Annahmen, nicht auf Fakten. Ich vertraue darauf, dass die Nachbarin über mir nicht jeden Abend Möbel rückt. Ich vertraue darauf, dass die Familie unter mir nicht denkt, ich sei die laute neue Mieterin. Ich lebe, um im Bild zu bleiben, wie die Käsescheibe in einem Sandwich, fest eingeklemmt zwischen zwei fremden Leben, die ich noch kaum kenne.
Dieses leise Vertrauen: kein Beweis, keine Garantie, nur die Bereitschaft, von einem guten Miteinander auszugehen, bevor es sich bewiesen hat. Ich merke, wie unangenehm mir das eigentlich manchmal ist, diese Wochen der Unsicherheit auszuhalten, bevor sich zeigt, ob der Vorschuss sich lohnt. Vertrauen fällt mir selbst nicht immer leicht. Umso mehr überrascht es mich, wie tragend es ist, sobald es einmal da ist, zuhause genauso wie im Unternehmen.
epovia Wandel mit Sinn. Und mit einem Vertrauensvorschuss, den hoffentlich auch meine neuen Nachbarn zu schätzen wissen.
*Luhmann, Niklas (1968): Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Stuttgart: Enke.